Domain-Alter als SEO-Faktor: 5 Fakten für 2026
Table of Contents
Warum bleibt das „Domain-Alter“ auch nach Jahrzehnten algorithmischer Evolution eines der heißesten Themen in der SEO-Branche? Es ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält, befeuert von Korrelationsstudien und dem Wunsch nach einer stabilen Metrik in einer sich ständig wandelnden digitalen Landschaft. Doch die Realität ist weitaus komplexer. Dieser Leitfaden dekonstruiert veraltete Mythen und beleuchtet die fünf überraschenden Wahrheiten über die Rolle des Domain-Alters für das Jahr 2026 – einem Zeitalter, in dem künstliche Intelligenz die Spielregeln neu definiert.
1. Google sagt „Nein“, Bing sagt „Ja“ – Die radikale Spaltung der Suchmaschinen
Im Jahr 2025 gibt es keine einheitliche Antwort auf die Frage nach dem Domain-Alter, sondern eine fundamentale Spaltung zwischen den beiden großen Suchmaschinen. Google und Bing leben in verschiedenen Welten, was diesen Faktor betrifft.
Googles offizielle Position, wiederholt formuliert durch Search Advocate John Mueller, ist unmissverständlich:
„No, domain age helps nothing“
Bing hingegen hält am Domain-Alter als explizitem Faktor fest und schreibt in seinen Webmaster Guidelines klar und deutlich:
„Domain age matters! Having an aged domain will give you an extra leg up across Bing’s results“
Der Grund für diesen strategischen Unterschied liegt in der jeweiligen Infrastruktur: Bing operiert mit einem kleineren Index und muss Ressourcen beim Crawling sparen. Daher verlässt sich die Suchmaschine stärker auf statische, historische Signale wie das Alter, um Vertrauen aufzubauen und Spam zu minimieren. Google hingegen hat seine Systeme auf dynamische Echtzeit-Signale umgestellt, die Qualität und Relevanz im Hier und Jetzt bewerten.
2. Warum alte Domains trotzdem ranken: Das „Signal-Akkumulations-Modell“
Trotz Googles offizieller Haltung zeigen viele Studien eine klare Korrelation zwischen dem Alter einer Domain und hohen Rankings. Der Grund dafür ist nicht das Alter selbst, sondern das, was sich über die Zeit ansammelt. Dieses Phänomen lässt sich durch das „Signal-Akkumulations-Modell“ erklären, das auf drei Säulen ruht:
- Backlink-Historie: Eine Domain, die seit einem Jahrzehnt existiert, hatte schlicht mehr Zeit, wertvolle, natürliche Backlinks von autoritativen Quellen zu sammeln. Google bewertet die Links, nicht das Registrierungsdatum.
- Content-Masse: Ältere Websites verfügen oft über riesige Inhaltsarchive. Diese Masse an Inhalten signalisiert eine umfassende thematische Autorität (Topical Authority) in einem bestimmten Bereich.
- Nutzerdaten: Langjährig etablierte Domains haben eine Fülle an historischen Nutzerdaten angesammelt – Klickraten, Verweildauer und wiederkehrende Besucher. Google kann diese Signale nutzen, um die Relevanz und Vertrauenswürdigkeit einer Seite zu validieren.
Ein entscheidender technischer Faktor ist hierbei das Crawl Budget. Suchmaschinen müssen priorisieren, welche Seiten sie wie oft besuchen. Etablierte, ältere Domains mit einer Historie von qualitativ hochwertigen Inhalten werden häufiger und tiefer gecrawlt, während neue Domains um Indexierungsressourcen kämpfen müssen. Letztendlich bewertet Google die über Jahre hinweg angesammelten Signale, nicht das Alter an sich.
3. Die Falle der „Expired Domains“: Warum Alter zum Risikofaktor wird
Der Versuch, eine Abkürzung zu nehmen, indem man eine alte, „abgelaufene“ Domain kauft, kann nach hinten losgehen. Google hat diese Taktik längst im Visier. Mit gezielten Updates wie „SpamBrain“, die in den Wellen vom August und Dezember 2025 speziell gegen „Expired Domain Abuse“ vorgingen, hat die Suchmaschine klargemacht, dass dieses Vorgehen nicht toleriert wird.
Das entscheidende Konzept hier ist der „History Reset„. Wenn Google feststellt, dass sich der Eigentümer oder das Thema einer Domain drastisch ändert, wird ihre Geschichte algorithmisch auf Null gesetzt. Technisch geschieht dies durch eine Dissonanz im Entity Knowledge Graph: Eine 20 Jahre alte Domain, die plötzlich mit einer brandneuen Marke verknüpft wird, erzeugt ein logisches Konfliktsignal. Das Ergebnis ist, dass alle angesammelten Signale und der vermeintliche Vorteil des Alters komplett zunichtegemacht werden. Für Strategen bedeutet dies, dass das Risiko einer Investition in eine abgelaufene Domain den potenziellen Nutzen bei Weitem übersteigt.
4. Das Comeback: Wie KI alten Domains einen neuen, heimlichen Vorteil verschafft
Während Google das chronologische Alter entwertet, verschafft ihm das Zeitalter der KI eine unerwartete, neue Relevanz. Mit dem Aufstieg der „Generative Engine Optimization“ (GEO) – der Optimierung für KI-Antwortmaschinen – entsteht ein Phänomen, das als „Training Data Bias“ bekannt ist.
Large Language Models (LLMs), die KI-Systeme antreiben, wurden auf riesigen Datenmengen trainiert, die zu einem bestimmten Zeitpunkt endeten. Domains, die schon lange vor diesem Stichtag existierten und als autoritativ galten, sind tief in den neuronalen Netzen dieser Modelle verankert. Die KI „kennt“ diese alten Marken und Websites intrinsisch. Während neue Domains über rechenintensive Echtzeit-Abfragen (Retrieval-Augmented Generation, RAG) in die Antwort integriert werden müssen, sind etablierte Domains bereits Teil des Kernwissens des Modells.
Dies stellt einen strukturellen Vorteil dar: Alte Domains sind „Prominent Entities“, die von der KI bevorzugt werden. Gleichzeitig transformiert sich das Alter in der Zero-Click-Realität der KI-Overviews zu einem User Trust Signal: Nutzer, die in den Quellenangaben einer KI-Antwort eine bekannte, langjährig etablierte Marke sehen, klicken eher darauf als auf eine unbekannte URL.
5. Nach dem Alter kommt die Herkunft: Das „neue Alter“ heißt C2PA
Die Flut von KI-generiertem Spam und Desinformation macht traditionelle Vertrauenssignale wie das Registrierungsdatum unzuverlässig. Als Reaktion darauf wird ein neues Signal entscheidend: der Nachweis der Herkunft (Provenance).
Der C2PA-Standard (Coalition for Content Provenance and Authenticity) zeichnet sich als die Zukunft des Vertrauenssignals ab. Diese Technologie ermöglicht es, Inhalte kryptografisch zu signieren und eine manipulationssichere „Kette des Vertrauens“ zu schaffen – wie ein digitaler Notarstempel für jeden veröffentlichten Inhalt. Anstatt auf ein einfaches Datum zu schauen, werden Algorithmen zukünftig prüfen, wie lange eine Domain ihre Inhalte nachweislich und lückenlos authentifiziert hat. Das „Alter“ wird damit zu einer Metrik der nachweisbaren digitalen Identität. Dieser Wandel macht den Kauf von Expired Domains endgültig obsolet, da die kryptografische Vertrauenskette bei einem Besitzerwechsel bricht.
Fazit: Mehr als nur eine Zahl
Die Analyse für 2026 zeigt: Das „Alter“ wandelt sich von einer simplen Zahl – dem Registrierungsdatum – zu einem komplexen Konstrukt aus angesammelten Signalen, historischer Verankerung in KI-Modellen und nachweisbarer Herkunft. Die oft zitierte Aussage von Googles Matt Cutts erhält dabei eine neue, duale Bedeutung.
„The difference between a domain that’s six months old verses one year old is really not that big at all.“
Kontextualisiert man diese Aussage – sie stammt aus dem Jahr 2010 und war eine Replik auf die „Google Sandbox“-Theorie –, offenbart sich ihre heutige Komplexität. Einerseits ist sie prophetisch wahr für Googles Inhaltsbewertung: Qualität schlägt immer die reine Zeit. Andererseits ist sie nachweislich falsch für Bings Algorithmus und sogar für Googles eigene technische Infrastruktur, wo das Crawl Budget ältere, vertrauenswürdige Domains klar bevorzugt.
Im Jahr 2026 geht es nicht mehr darum, wie alt Ihre Domain ist, sondern darum, ob sie es verdient hat, zu überleben. Hat Ihre es verdient?


















Leave a Reply
Want to join the discussion?Feel free to contribute!